Careleaving in Dortmund differenziert betrachten

06.03.2026

Stellungnahme zum Fachtag an der FH Dortmund am 12.2. zum Thema Careleaving hat eindrücklich gezeigt, welche Bedeutung verlässliche Strukturen, wissenschaftliche Begleitung und partizipative Ansätze für gelingende Übergänge aus der Jugendhilfe haben. Am Beispiel des Projekts Meeting Port am Hafen wurde deutlich, wie wichtig Vertrauen, Vernetzung und die konsequente Einbeziehung von Care Leavern in die Angebotsgestaltung sind. Die Verstetigung des Projekts sowie die Gründung des Care Leaver Dortmund e.V. markieren wichtige Schritte in Richtung Selbstvertretung und politischer Sichtbarkeit. Diese Entwicklungen sind ausdrücklich zu begrüßen. Gleichzeitig bedarf es u.E. aus fachpraktischer Perspektive einer differenzierten Betrachtung der Zielgruppe „Careleaver“.

Die Heterogenität der Careleaver

Careleaver sind keine homogene Gruppe. Ihre biografischen Erfahrungen, ihre psychosozialen Ressourcen und ihre Unterstützungsbedarfe unterscheiden sich teils erheblich. Zu unterscheiden sind unter anderem:

  • junge Menschen, die erst im Jugendalter Unterstützung zur Verselbständigung erhalten,
  • junge Menschen, die seit früher Kindheit durchgehend im Jugendhilfesystem leben,
  • junge Menschen mit massiven Traumatisierungen, Gewalt- und Missbrauchserfahrungen,
  • Careleaver mit Suchtthematiken oder psychischen Erkrankungen,
  • unbegleitete minderjährige Geflüchtete mit eigenen komplexen Fluchterfahrungen.

Insbesondere jene jungen Menschen, die früh und langfristig institutionelle Brüche, Beziehungsabbrüche und instabile Lebensverhältnisse erlebt haben, tragen erhebliche Belastungen in die Phase des Übergangs. Für sie bedeutet das Hilfeende nicht nur den Wechsel in ein neues System, sondern häufig einen weiteren tiefgreifenden Einschnitt.

Übergänge als Verdichtung von Anforderungen

Mit dem Ende der Jugendhilfe verdichten sich Anforderungen:

  • eigenständige Antragstellungen (BAföG, BAB, Bürgergeld),
  • komplexe Verwaltungsverfahren,
  • Sicherung von Wohnraum,
  • Organisation medizinischer und therapeutischer Versorgung,
  • zunehmende Eigenverantwortung bei gleichzeitigem Wegfall vertrauter Bezugspersonen.

Gerade für junge Menschen mit traumatischen Vorerfahrungen, eingeschränkter Selbstwirksamkeit oder psychischen Belastungen stellen diese Anforderungen eine massive Überforderung dar. Hinzu kommt: Nicht alle konnten während der Jugendhilfe ausreichend therapeutisch stabilisiert werden. Traumafolgen wirken fort – auch dann, wenn formal eine „positive Entwicklung“ attestiert wird (z. B. Schulabschluss, Ausbildungsbeginn).

Formale Angebote und tatsächliche Bedarfe

Formale Unterstützungsangebote, wie bspw. Beratungsstellen, spezialisierte Anlaufstellen und Selbstvertretungsstrukturen, sind wichtige Bausteine einer differenzierten Infrastruktur. Sie bieten Räume der Vernetzung, politischer Selbstorganisation und kollektiver Sichtbarkeit. Dazu äußert sich auch der Care Leaver e.V. Dortmund auf unsere Anfrage:

„Gerade weil Care Leaver oft keine verlässliche 'Homebase' haben, braucht es einen Ort, an dem sie sich selbstorganisiert begegnen, austauschen und gegenseitig stärken können. Umso bedeutender ist es, dass alle Träger gemeinsam dazu beitragen, dass möglichst viele Care Leaver von dieser Anlaufstelle erfahren und den Weg dorthin finden.“ - Care Leaver e.V. Dortmund

Gleichzeitig zeigen Praxiserfahrungen: Die tatsächlichen Bedarfe vieler hochbelasteter Careleaver liegen weniger im kollektiven Setting als in verlässlichen Einzelbeziehungen. Für junge Menschen, die früh massiv traumatisiert wurden, die Vertrauen in Erwachsene verloren haben und die am Ende einer langen Kette von Jugendhilfemaßnahmen und Straßenkarrieren in der Mobilen Betreuung ankommen, sind stabile, vertraute Bezugspersonen zentral.

Diese jungen Menschen werden oftmals keine spezialisierte Anlaufstelle aufsuchen – auch nicht in Begleitung. Sie beziehen ihre Stärke nicht aus einer kollektiven Identität als „Careleaver“, sondern suchen Sicherheit im diskreten Einzelkontakt mit vertrauten Fachkräften. Gleichzeitig möchten sie – soweit möglich – „normale“ gesellschaftliche Strukturen nutzen und nicht primär über ihre Jugendhilfebiografie definiert werden.

Plädoyer für ergänzende Nachbetreuungsstrukturen

Viele freie Träger bieten seit Jahrzehnten informell an, dass sich junge Menschen auch nach Hilfeende jederzeit wieder melden können. Diese Praxis ist fachlich bedeutsam und wirkt stabilisierend. Sie ersetzt jedoch keine strukturell abgesicherte Nachbetreuung.

Notwendig sind:

  • institutionell verankerte Rückkehroptionen,
  • flexible, beziehungsorientierte Begleitangebote über das formale Hilfeende hinaus,
  • Finanzierungslösungen, die nicht ausschließlich am Alter orientiert sind,
  • Übergangsmodelle, die Zeit als Ressource begreifen.

Fazit

Der Fachtag hat wichtige Impulse für die Weiterentwicklung von Careleaving-Strukturen in Dortmund gesetzt. Die wissenschaftliche Begleitung, die politische Unterstützung und die Verstetigung des Projekts sind positive Signale. Gleichzeitig bleibt die fachliche Aufgabe bestehen, Careleaving nicht vereinheitlichend zu betrachten.

Insbesondere hochbelastete junge Menschen benötigen:

  • längere Zeiträume,
  • verlässliche Beziehungen,
  • strukturell abgesicherte Nachbetreuung,
  • Übergänge, die nicht primär administrativ, sondern entwicklungspsychologisch gedacht werden.

Ein differenziertes Verständnis von Careleaving ist kein Widerspruch zu erfolgreichen Modellprojekten, sondern deren in unseren Augen notwendige Ergänzung.

Wir danken der FH Dortmund für die Ausrichtung des spannenden Fachtags. Foto: FH Dortmund. V.l.: Dortmunder Jugendamtschefin Dr. Annette Frenzke-Kulbach, Stadträtin Monika Nienaber-Willaredt, Evi Austermann-Fasselt (GrünBau), Dr. Severine Thomas (Uni Hildesheim), Ilka Ekmen (VSE NRW), Sabine Schweinsberg (Der Paritätische NRW), FH-Dekanin Prof. Dr. Katja Nowacki, Ali Rahimi und Yacouba Coulibaly (beide Care Leaver Dortmund) sowie Sina Levenig und Prof. Dr. Michael Boecker (beide FH Dortmund).

„Wir benötigen ergänzende, niedrigschwellige Nachbetreuungsstrukturen, insbesondere für jene Careleaver, die aufgrund früher Traumatisierungen und massiver Beziehungserfahrungen besondere Stabilität und Verlässlichkeit brauchen.“
- Ilka Ekmen, Pädagogische Beratungsstelle Ruhr/Niederrhein